Gebet und die fünf Elemente,
Vortrag von Pir Zia Inayat Khan, Suresnes, 28.01.2005

(Übersetzung nach einer Transkription, die in der amerikanischen Zeitschrift „Caduceus“ erschienen ist.)

Fünf Aspekte des Gebets werden vom Sufi-Lehrer Hazrat Inayat Khan beschrieben. Ich habe herausgefunden, dass sie mit den fünf Elementen zusammenhängen, auf die wir uns durch die Reinigungsatemübungen einstimmen.

Reinigungsatem des Erdelements

Der Erdatem ist einatmen und ausatmen durch die Nase.

Um sich auf seine Beziehung mit der Erde einzustimmen, muß man in seinem subtilen Energiekörper erwachen. Auf dieselbe Art, wie der physische Körper fortlaufend ernährt wird, indem er die physische Substanz des Planeten verdaut und sich aufschließt, wird auf einer subtilen Ebene unser Magnetfeld durch den Magnetismus des Planeten ernährt.

Es ist zweckmäßig, zuerst den Rhythmus Ihres Herzens zu orten. Dann versuchen Sie, das Echo Ihres Herzschlags in Ihren Händen, Ihren Füßen und in Ihrem Kopf zu spüren. Wissenschaftler sprachen für gewöhnlich vom Herz als der Pumpe unseres Kreislaufsystems, aber heutzutage wird es so verstanden, dass das Herz selbst durch die gemeinsame Bewegung des gesamten Kreislaufsystems gepumpt wird. Daher können Sie nicht an Ihr Herz in der Weise denken, als wäre es durch Ihren Brustkorb begrenzt. Tatsächlich, wenn Sie das Pulsieren des Kreislaufs in Ihren Händen, Fingerspitzen, Füßen und Kopf spüren, fühlen Sie vielleicht, dass es da keine klare Begrenzung gibt. Wenn Ihre Augen geschlossen sind, fühlen sich Ihre Hände nicht so an, als bestünden sie aus fünf Fingern, sondern Sie spüren die Vibration die durch die Händen pulsiert, sich in alle Richtungen ausdehnt und ein Feld schafft, das sich in den Raum hinein ausbreitet.

Haben Sie sich erst einmal auf Ihr elektromagnetisches Feld eingestimmt, so können Sie sich beim Einatmen bewusst werden, wie Ihr Lebensfeld sich mittels des Einströmens der Erd-Energie durch Ihre Fußsohlen, durch Ihre Handflächen und durch die Basis Ihrer Wirbelsäule ausdehnt. Wenn Sie dann ausatmen, spüren Sie, wie Sie zusammenfallen, in das Anziehungsfeld der Erde hinein, hinuntersinken um im Körper der Erde kompostiert und rückverwandelt zu werden. Sie müssen also den Gedanken überwinden, dass Sie sich von der Erde unterscheiden. Erinnern Sie sich, dass sich Ihre Zellen stetig teilen, dass neue Zellen geboren werden und alte Zellen sterben – im Zeitraum von fünf Jahren wird unser gesamter Körper erneuert. Daher denkt man an sich selbst so als wäre man eine Zelle im Körper der Erde, in dem die Erde sich ausgedrückt hat, um sich selbst zu erfahren.

Dankbarkeit

Dem Erdelement ist eine besondere Art von Gebet verwandt, das Dankgebet. Jeden Tag ist Gelegenheit, aufzuzählen womit wir gesegnet sind, statt das Gegenteil zu tun, das darin besteht, unsere Probleme aufzulisten – und natürlich ziehen wir, indem wir dies tun, noch mehr Probleme zu uns. Geben wir beispiels-weise jemandem ein Geschenk, und diese Person bleibt indifferent und zeigt keine Dankbarkeit, so sind wir weniger geneigt, dieser Person wieder etwas zu schenken. In gleicher Weise geschieht das im Universum.

Dankbarkeit ist nicht nur dazu da, um jemandem entgegenzukommen, der uns etwas gegeben hat, sie ist um unseres Willen, weil wenn man den Segnungen des Lebens gegenüber unaufmerksam ist, so ist sogar das was man bekommen hat so, als wenn es fehlte. Aber für jenen der dankbar ist, sogar dann wenn das wofür man dankbar ist, nicht mehr bei einem ist, so bleibt es doch anwesend, wegen seiner Dankbarkeit. Dankbarkeit macht unsere Erfahrungen unsterblich, weil man im Zustand der Dankbarkeit das Leben lebendig lebt. Dasjenige wofür Sie dankbar sind, nimmt Ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch und wird in Ihnen lebendig.

Also können wir uns immer wieder daran erinnern, unsere Segnungen aufzuzählen und Sie werden bemerken, dass dies wirklich Ihre Haltung zum Leben beeinflusst. Wenn Sie erkennen, wie viel Ihnen gegeben wurde, fühlen Sie sich einfach glücklich, und wenn Sie glücklich sind, dann sind andere Menschen weniger geneigt, sich von Ihnen bedroht zu fühlen und dem zur Folge sind sie eher geneigt, nett zu Ihnen zu sein.

Nehmen Sie sich jetzt eine Minute Zeit. Rufen Sie ein Objekt Ihrer Erfahrung wach: eine Person, Tier, Pflanze, Objekt, oder einen Aspekt der Natur wie die Bläue des Himmels. So wie die Sufis sagen, schmecken Sie es, probieren Sie es, genießen Sie es in Ihrem Bewusstsein, spüren Sie was es bedeutet, in einer Welt zu leben, in der Sie das Vorrecht haben, dies zu erleben.

Reinigungsatem des Wasserelements

Lassen Sie uns zu unserer Atmung zurückkehren und durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmen.

Man wird auf die mehr fließende Dimension des eigenen subtilen Wesens eingestimmt. Der Körper sieht von außen fest aus, aber wir wissen, dass wir zu mehr als 75 % aus Wasser bestehen. Ein Sufi-Poet sagte einmal, „Das was ich für Ruhe hielt, war die Essenz von Bewegung“. Er meinte damit, dass wenn ich laufe und mich bewege, ich das Gefühl habe fest zu sein, aber wenn ich in Meditation sitze, spüre ich die Bewegung innerlich, in gleicher Weise liegt dieses Wasser tief unter der Erde begraben. Das Pulsieren des Wassers trägt in sich die Erinnerung des Zustands in der Gebärmutter – dem Stadium ursprünglicher Einheit, in dem wir im Wasser des Mitgefühls gebadet wurden; und der Takt des mütterlichen Herzschlags, der die Gebärmutter füllte, trug eine noch tiefere Erinnerung in sich, die Erinnerung des uranfänglichen Ozeans, aus dem sich unser Leben entwickelte. Die Ebbe und Flut der Wellen dieses uranfänglichen Ozeans trägt die Erinnerung des Ozeans aus Licht.

So werden wir durch die Atmung wieder der uralten Abstammung des Pulsierens bewusst, das weiterhin durch uns fließt. Fühlen Sie sich darin innerlich gereinigt, so wie das Wasser durch jedes Teilchen Ihres Körpers fließt und alles Überflüssige wegspült, Bewegung dorthin bringt, wo es keine Bewegung gab, Hindernisse und Verstopfungen wegspülend und dem Gefühl erlaubend frei zu fließen, weil die wahre Natur der Gefühle die Bewegung ist (emotion – motion). Hazrat Inayat Khan sagt, das Wasser, welches das Herz reinigt, ist das beständige Fließen des Liebesstromes.

Reue

Wir kommen zu dem Aspekt des Gebets, der dem Wasser verwandt ist, und das ist Reue, die sich am allerschönsten durch die Tränen der Reue ausdrückt. Es gibt die Geschichte von einem Sufi, der gewohnt war fünf mal am Tag zu beten. Einmal, als er spät schlafen ging, verpasste er fast sein Morgengebet, als eine übernatürliche Gestalt kam und ihn aufweckte. Sie würden meinen, dass dies ein Engel gewesen sein müsste, aber es war der Teufel. Sie können sich vorstellen, wie überrascht er darüber war, dass der Teufel ihn weckte damit er seine Gebete sprechen konnte! Der Teufel erklärte, „ich sah, dass Sie gerade dabei waren, Ihre Gebete zu versäumen und ich wusste, dass Sie wenn Sie dann erwachten, sie so sehr über sich selbst enttäuscht gewesen wären, daß Sie geweint hätten, und eine Träne der Reue von solcher Anmut und Schönheit aus Ihrem Auge geströmt sein würde, dass sie alle Sünden der Welt weggewaschen hätte“.

Tränen sind das Parfüm der Reue. Reue der Akt, Verantwortung für seine Fehler zu übernehmen, für seine Unzulänglichkeiten, für seine Begrenzungen. Man sollte das Gelübde machen, den Fehler nicht zu wiederholen und in sich selbst nachforschen um die Umstände zu verstehen, die diesen Fehler entstehen ließen, damit man davon lernt und dann die Angelegenheit der göttlichen Gnade zu überlassen.

Die natürliche Neigung unseres Ego, des kleinen Selbst ist es, sich selbst zu erhalten, indem es für seine Tagesordnung wirbt und andere Menschen unterdrückt. Indem unser Ego den Eindruck des Fehlers oder des schmerzlichen Geschehens zurückweist, wird dieses unterdrückt und damit unbewusst, aber als Quelle von Schuldgefühl durchzieht es uns. Das Fehlverhalten gehört zum Ego, aber es gibt einen anderen Teil in einem, der niemals einen Fehler gemacht hat, das ist unsere Seele. Seit das Ego den Fehler und damit dessen Eindruck zurückgewiesen hat, wird die Schuld zu einer Hülle über der Seele, die das überbedeckt, was von Reinheit ist. Damit die Seele ihr Licht wieder beanspruchen kann, muß das Ego seine Verantwortung annehmen, um den Fehler zurück ins Bewusstsein zu heben und zu versuchen zu wachsen und den Fehler nicht zu wiederholen. Dann erlebt man, dass die Seele befreit wird, weil alle Rückstände von Schuld und Sünden gereinigt sind, und die Seele kann mit solchem Vertrauen hindurchscheinen, dass jedes Tun zur heiligen Arbeit wird.

Anfangs scheint es unangenehm zu sein, sich schlechten Erinnerungen zuzuwenden, aber man erlebt viel Gnade, die kommt wenn man sich schließlich mit seinem Schatten konfrontiert, Verantwortung übernimmt und sich dem Quell der Vergebung zuwendet. Es gab einen Sufi namens Samad, der sagte, „Obwohl ich meinen Fehler bedauere, fühle ich mich so erhoben, weil meine Begrenzung mir erlaubt hat, die unglaubliche Schönheit Deiner Vergebung zu erfahren“. Tatsächlich sagen die Sufis, dass die wesentlichsten Eigenschaften der göttlichen Natur Gnade und Mitleid sind. Gäbe es also keinen Irrtum, keine Fehler oder Sünden, dann hätte das was am Wichtigsten für die Wirklichkeit ist, keinen Bereich um sich auszudrücken.

Könnten wir wieder für einige Zeit in die Stille gehen. Diesmal schauen Sie ob sich etwas durch die Tiefe Ihres Bewusstseins zieht, mit dem Sie sich nicht ganz wohl fühlen, aber worauf Sie sich selbst nicht erlaubt haben, näher hinzusehen. Versuchen Sie, hinter das Rationale zu gelangen, hinter die Entschuldigungen die Sie sich selbst machen und hören Sie wirklich auf die Stimme Ihres Gewissens, die dahinter schauen kann. Stellen Sie sich vor wie es wäre, ein Kind zu sein, das einen Fehler gemacht hat, ihn zugibt und sich der liebenden Umarmung der Eltern zuwendet.

Reinigungsatem des Feuerelements

Beim Feueratem atmet man durch den Mund ein und durch die Nase aus.

Die Temperatur unseres Körpers zeigt an, dass wir in einem Prozeß von fortlaufender Verbrennung sind.

Verbrennung bedeutet, dass die Materie beschleunigt wird; Teilchen entkommen aus ihren eingefrorenen Rahmenbedingungen und beginnen sich schnell zu bewegen und als ein Ergebnis davon werden große Mengen von Energie befreit. Es ist das Gleiche wie in der Geschichte, wenn große Weltreiche oder Institutionen zerfallen sind und plötzlich gab es neue Möglichkeiten und eine große Woge von Kreativität und Freiheit. Physiologisch kann die Geschwindigkeit unseres Umwandlungsprozesses intensiviert werden, indem wir bewusst Hitze erzeugen. Was als Hitze in den unteren Zentren beginnt, erhebt sich und wird in den oberen Zentren in Licht verwandelt. Während man das tut, kann man sich vorstellen was es bedeutet, einen Gesichtsausdruck, ja ein Gesicht wie die Sonne zu haben.

Bedürftigkeit

Die Richtung der Erde ist ausbreitend (Dankbarkeit); die Richtung von Wasser ist herunterfließend (die Gnade und Anmut, die verbunden mit Reue herabsteigt); die Richtung von Feuer ist aufsteigend: Bedürftigkeit, was bedeutet, um seine Bedürfnisse zu bitten. Manchmal möchten wir wissen, ob wir überhaupt um unsere Bedürfnisse bitten sollten. Kürzlich habe ich eine Kirche besucht, wo sie den Gläubigen sagten, dass sie niemals irgend etwas von Gott erbitten dürften. Dies ist eine ursprüngliche Lehre, doch diese gehört zu einem sehr hohen Grad der Einstimmung, zu einer Ebene jemandes der keine Erwartungen hat; aber solange wie Sie sich etwas erhoffen, haben Sie etwas, um das Sie bitten können. Vielleicht sagen Sie, warum sollte ich mich Gott aufdrängen mit etwas das wie eine unbedeutende Angelegenheit zu sein scheint? Und mehr noch könnte gesagt werden, dass wenn Gott allwissend und allmächtig ist, bedeutet dies, dass Gott bereits weiß was ich will und wenn Er/Sie dies nicht erfüllt hat, muß es dafür einen Grund geben, den ich nicht kenne.

Das Problem dieses Arguments ist es, dass es auf Dualität gründet: Gott dort draußen und ich dagegen hier. Aber wie wäre es, wenn man sein Verhältnis mit Gott so verstünde, wie die Sufis es tun, nämlich wie die zwei Enden einer Linie. Am einen Ende gibt es einen Zustand der Begrenzung, der nicht desto weniger ein Zustand der Verwirklichung ist und das andere Ende bildet ein unbegrenzter und noch nicht verwirklichter Zustand. Daher kann die Verwirklichung des unbegrenzten Wesens nur durch das begrenzte Wesen geschehen. Tatsächlich kommen im Gebet diese beiden Pole zusammen, denn indem man seine Bedürfnisse ausdrückt, bringt man durch seine Gedanken und Gefühle seine Wünsche in die konkrete Wirklichkeit.

Etwas beginnt als universeller Impuls von Ishq, von Verlangen, aber noch sehr ungenau und ungeformt. Dann wenn es klarer wird, entsteht daraus eine Sehnsucht. Dann wenn die Sehnsucht klarer wird, entsteht daraus ein Wunsch. Und wenn dann der Wunsch klarer wird, entsteht daraus ein Wille und durch den Willen geschieht es, dass alles in dieser Welt verwirklicht wird.

Bedürftigkeit ist also ein Prozess der Klärung unserer Sehnsucht, der unsere Sehnsucht in uns mitschwingen und pulsieren lässt, sie stärker und stärker und konzentriert werden lässt, bis sie ihre eigene Erfüllung herbeiführt.

Hazrat Inayat Khan sagte etwas sehr herausforderndes: Wenn Ihre Sehnsucht sich nicht erfüllt hat, so bedeutet es, dass Sie nicht gewusst haben, wie man sich sehnt. Auch ist wahr, dass wir manchmal leidenschaftlich um etwas beten und etwas anderes trifft ein. Dies bedeutet, dass das Universum nicht mechanisch ist, es ist kein Verkaufsautomat; wenn es so wäre, gäbe es keinen Raum für Evolution. Evolution geschieht im Dialog: Sie setzen mit aller Ernsthaftigkeit und Klarheit Ihren Wunsch und Ihren Willen ein und dies wird gehört werden. Die Antwort wird vielleicht nicht die Antwort sein, die Sie erwarten, aber nicht desto weniger beinhaltet sie die Botschaft, welche Sie in Ihrem Gebet gesendet haben. Und umgekehrt regt diese Antwort ein neues Bedürfnis, eine neue Sehnsucht an; in diesem Sinne entwickeln und verwandeln sich unsere Sehnsüchte selbst.

Gott ist grenzenlos und wir sind Lebewesen der Begrenzung. Dies ist genau die Rolle, die wir zu spielen haben: Wir können unsere Begrenzung anbieten, das ist unsere beste Gabe. Wir können im Vertrauen unsere ernstesten Bedürfnisse vortragen, im Vertrauen darauf, dass die Antwort, die darin enthalten ist, kommen wird.

Nehmen wir uns jetzt einen weiteren Augenblick der Stille. Erinnern Sie, was Hazrat Inayat Khan sagte, dass jener dessen Sehnsucht nicht erfüllt wird, nicht wusste wie man sich sehnt. Er sagt weiter, `Mißlingen ist zurückzuführen auf Unklarheit der Motive.´ Tatsächlich ist es unser größtes Problem im Leben, über unsere Absichten mit uns selbst im Widerstreit zu sein. Stellen Sie sich nun vor, daß ein übernatürliches Wesen erscheint, ein Geist der Lampe der sagt, `Sie können bekommen, was immer Sie jetzt möchten´. Was ist Ihr Wunsch?

Reinigungsatem des Luftelements

Ein- und Ausatmen durch den Mund.

Rufen Sie in sich in Erinnerung, dass Sie, im Unterschied zu dem was Sie gewöhnlich sehen, eine sehr andersartiges Profil sähen, wenn Sie Ihren Körper durch ein Elektronenmikroskop betrachten würden. Ihr Körper würde aussehen wie der nächtliche Sternenhimmel. Lichtpunkte inmitten von riesigem leeren Raum. Die Lichtpunkte sind alle in Bewegung, wodurch unsere Sinn für Festigkeit Lügen gestraft wird, durch eine tiefgründigere Vorstellung von einem selbst, in der man weniger eine Form ist, als eine Choreographie. Wenn man enttäuscht wird durch den Zwang der konkreteren Erscheinungsform unseres Wesens, kann man in diese Dimension zurückkehren und das Gefühl von Freiheit und Befreiung erleben, das damit einhergeht. Lassen Sie sich von allem tragen (float upon) und nichts kann Sie herunterziehen. Man identifiziert sich mit dem (primordial) ursprünglichen Zustand des Kosmos, der eine wirbelnde Gaswolke war, voller unendlicher Möglichkeiten.

Anrufung

Der nächste Aspekt des Gebets ist die Anrufung. Es gibt eine Geschichte von Ali, einem großen Heiligen, der sagte, „Beten Sie so zu Gott, als ob Sie Gott sehen könnten“. Was bedeutet es, Gott zu „sehen“? Es klingt widersprüchlich. Natürlich sprechen wir weiter über Gott und es scheint sicher zu sein, dass wir alle an Gott glauben. Glauben Sie an Gott? Wenn ich Sie frage, ob Sie an Gott glauben, werden Sie wahrscheinlich sagen, „Das ist nur ein Wort. Sagen Sie genau was Sie meinen und dann werde ich Ihnen sagen, ob ich an Gott glaube oder nicht.“ Aber vielleicht würde ich dann die Frage umdrehen und statt Ihnen eine Definition zu geben, würde ich Sie bitten, die Definition von dem Gott anzubieten, an den Sie glauben. Wenn wir das täten, fänden wir vielleicht heraus, dass wir so viele Definitionen haben, wie es Menschen gibt. Die Sufis sagen, es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Atemzüge gibt. Jeder Weg ist ein Ideal und jeder hat ein Ideal.

 

Manchmal wird jemand sagen, „Ich habe keinen Bezug zum Gebet, weil ich nicht an Gott glaube und ich spüre, dass es heuchlerisch wäre, zu einem Gott zu beten, an den ich nicht glaube. Wenn Sie fragen, warum es heuchlerisch wäre, antworten sie, „Es steht meinem Wahrheitssinn entgegen und Wahrheit ist etwas Absolutes, das man nie verfälschen darf; es ist ein essenzielles Prinzip; es kommt aus der Essenz.

Dann geht plötzlich ein Licht auf und Sie sehen: Es gibt etwas, das vor allen anderen Erscheinungen kommt; es besteht aus dem Stoff der Essenz und es ist ein absolutes Prinzip, das nicht verfälscht werden kann. Sie haben ein Gottesideal: es ist die Wahrheit.

Jeder hat ein Ideal; man könnte in dieser Welt nicht ohne Ideal leben – man würde zerbrochen werden. Wenn Hazrat Ali davon spricht, dass man zu Gott so betet als ob man Gott sieht, so deshalb, um dieses Ideal aus dem abstrakten Reich der … (of conjecture) in seine gelebte Wirklichkeit zu bringen. Also wenn jemandes Gottesideal die Wahrheit ist, so bedeutet das, entsprechend der Wahrheit zu leben, sich selbst bei allen Gelegenheiten an die dringliche Erfordernis der Wahrheit zu erinnern, die Manifestation der Wahrheit in allen Dingen suchend. Und Sie werden bemerken, dass jenes was das Ideal für eine Person bezeichnet, genau das ist, was die Person benötigt, um sich zu entwickeln und das wechselt zu unterschiedlichen Zeiten in unserem Leben.

Murshid sagt, „Gott ist das was man benötigt, um sich selbst zu vervollständigen“, somit steht jeder von uns in einem Werdeprozeß und es gibt Eigenschaften, die gehören zwar zu unserem Wesen, werden in unserem Leben aber noch nicht angemessen ausgedrückt und kämpfen darum, geboren zu werden. Durch die Art und Weise unseres Ideals werden wir auf sie aufmerksam gemacht und im Leben werden wir zu Menschen hingezogen, welche dieses Ideal auf eine Art verwirklichen, wie wir es selbst noch nicht können. Jene Person wird dann zum Spiegel, in dem sich unser wahres Selbst sehen kann, denn all die Perfektion die wir von der Welt bezeugen ist nur der Widerschein dessen, was in uns selbst existiert: Sie können es nicht erkennen, außer wenn es bereits in Ihnen vorhanden ist.

Anrufung bedeutet, so mit dieser Eigenschaft des Seins zu leben, als lebten Sie mit einer anderen Person, zu erleben, dass es solche Gültigkeit hat, solche Lebendigkeit in Ihrem Leben, dass es eine Beziehung ist, vielleicht wichtiger ist als jede andere Beziehung.

Gehen wir nochmals in die Stille. Öffnen Sie ihre Aufmerksamkeit für die Vollkommenheit. Und nehmen Sie die Form auf, welche Form es auch sein mag, in der sich diese Vollkommenheit Ihnen verwirklicht.

Reinigungsatem des Ätherelements

Nun kehren wir zum Atmen zurück und wir werden rückblickend fünf Atemzüge machen, für jedes Element, beginnend mit Erde … Wasser … Feuer … Luft … .

Lassen Sie Ihren Atem in seinen natürlichen Zustand zurückkehren, vertieft und geläutert durch die Reinigung mit jenen vier Elementen, spüren Sie, wie diese in Ihnen im ausgeglichenen Zustand sind. In diesem ausgeglichenen Zustand ahnen Sie die Gegenwart von Äther, des fünften und aller subtilsten Elements.

Communion/Vereinigung

Öffnen Sie sich dem fünften Aspekt des Gebets, welches das „In-eins-Sein“ oder Kommunion ist. Ein großer Dervisch sagte einmal, ´wenn Sie Gott suchen, so ist Gott im Blick Ihrer Augen´. Und so erkennt man plötzlich, dass es Gott ist, der zu Gott betet. Und die Person von der Sie meinten, dass Sie selbst es seien ist nur ein Spiegel, in dem das göttliche Licht auf sich selbst zurückscheint.

Pir ZIA Inayat Khan ist Präsident des Sufi Ordens International, der Sohn und Nachfolger von Pir Vilayat Inayat Khan, und der Enkel des großen Sufi-Weisen Hazrat Inayat Khan. Er wohnt und lehrt in der Abode of the Message, in Staat New York, und ist der Herausgeber der Antologie, Eine Perle im Wein: Aufsätze über das Leben, Musik und Sufismus von Hazrat Inayat Khan (New Lebanon, NY: Omega, 2001).

Aussprüche

In Dankbarkeit lebt man sein Leben lebendig (1)

Das Wasser welches das Herz reinigt, ist das fortwährende Fließen des Stroms der Liebe (2)

Es ist im Gebet, wo die zwei Pole des Begrenzten und des Unbegrenzten zusammenkommen (3)

Bete zu Gott so wie wenn Du Gott siehst (4)

Übersetzung: Raqib Gerhard Kittel, 12/2005

p.s. Die Ziffern der Zitate fehlen in dem Text, den mir Sarida Brown per mail zur Verfügung gestellt hat.