Einstimmung auf die Schwingung des Heiligen Geistes
Pir Vilayat Inayat Khan

Dies ist die Transkription einer Meditation von Pir Vilayat während eines Retreats.

Wir müssen nun einen Weg finden, um Instrumente des Heiligen Geistes zu werden und unsere Mitmenschen zu heilen. Wir werden uns üben in Fernheilung mit der Hilfe des Heiligen Geistes, sodass wir keine Hilfsmittel benutzen, wie etwa die Hände, die Augen oder den Atem. Unsere Instrumente werden Gedanken sein, Gedankenformen, Gedankenwellen, aber auch diese müssen zuerst gereinigtwerden. Wir müssen durch einen inneren Prozess hindurch gehen, um reine Instrumente für die göttliche Heilkraft zu werden.

Zuerst müssen wir unser Gefühl, eine Person zu sein, überwinden, das Bild von uns selbst, und auch das Bild unserer Umwelt. Am Besten können wir das erreichen, wenn wir uns erinnern, dass wir Besucher sind auf dem Planeten Erde, und dass der Körper einfach aus der Substanz des Planeten geformt ist, und auch unser Verstand (mind) ist einfach eine Formung, und unsere Gefühle scheinen sich dauernd aufzubauen und zu verändern. Einmal gibt es ein Gewitter, und dann kommt wieder ein friedlicher Zustand, und dann bläst der Wind aus Norden und es wird kalt, und dann gibt es Blitze und danach Regen. Unsere Gedanken formen sich genau wie die Wolken, entstehend aus der Denksubstanz hinter dem physischen Universum. Die Bäume sind Gedanken, die sich als Bäume materialisiert haben, und so entdecken wir die Welt der Gedanken und sehen, dass unsere Gedanken auch innerhalb dieser Gedankenwelt geformt werden. Wir identifizieren uns weder mit unserem Körper, noch mit dem Verstand (mind), noch mit den Gefühlen. Unsere Persönlichkeit ist als eine Formung in die Existenz getreten und wird sich wieder auflösen. Was wir nun erfahren ist die Auflösung aller Dinge, die wir zu sein glaubten. Wir können uns an nichts festhalten, denn alles sind nur vorübergehende Formungen.

Wir gehen durch eine Art von dunkler Nacht des Verstehens, und sogar unser Bewusstsein ist nur eine vorübergehende Formung, ein Brennpunkt im gesamten Bewusstsein. So verlieren wir nun die Bewusstheit von uns selbst, sie wird von den Winden verweht. Was zurück bleibt ist wie eine Quintessenz, und was wir hinter dem Aufruhr der Gefühle finden, ist die Ekstase, welche die Beschaffenheit des Universums ist. Wir kommen in Berührung mit der Beschaffenheit des Universums. Das ist die dunkle Nacht der Seele. Man hat seine Identität verloren, sein Selbstbild. Man kann tatsächlich mit Jelaluddin Rumi sagen: “Ich bin das Namenlose, das Formlose, das Zeitlose und das Ortlose.” Dies ist das zweite Stadium des alchemistischen Prozesses.

Wir erreichen nun das dritte Stadium, den makellosen Zustand. Um ein reines Instrument des Heiligen Geistes zu werden, muss der Körper wie ein Kristall werden. Man könnte die Metapher benutzen “mit Licht gewaschen”. Damit das Licht den Körper durchdringen kann, muss er sein wie ein Kristall, in einem Zustand vollkommener Ordnung, vollkommener Einstimmung, vollkommener Resonanz mit der göttlichen Ordnung der Dinge. Man erlebt die Körpererfahrung von vollkommener Einstimmung, in Resonanz mit dem Universum. Stellt euch vor, dass wir alle Kristalle sind, sodass das Licht durch uns hindurch strahlt; nichts Undurchsichtiges, wir sind vollkommen lichtdurchlässig. Plötzlich scheint es uns als gäbe es Zwischenräume überall im Körper, durch welche das Licht zirkulieren kann, und wir stellen uns den Körper nicht mehr als feste, solide Struktur vor. Er wird plötzlich ätherisch. Damit wir reine Instrumente des Heiligen Geistes werden können, muss der Körper wie ein Kristall werden. Der Verstand (mind) wird kristallklar, es gibt keine Konflikte, keine Blockierung, keinen Engpass. Der Verstand wird durch Licht gewaschen, gereinigt. Es ist wie das Lächeln eines Kindes: vollkommene Aufrichtigkeit, Klarheit. Nunkönnen die Gefühle sehr, sehr wunderbar werden, sublim. Auch die Gefühle werden mit Licht gewaschen, und dadurch bleibt kein Platz für Hass, oder Intoleranz, oder Mutlosigkeit. Die Gefühle sind klar wie das Licht der Sonne, die auf die Blumen scheint, oder das Licht der Sterne, die die dunklen Ecken des Universums erleuchten.

Es ist eine Katharsis. Man muss das Herz von den Gefühlen reinigen, die nicht sublim, strahlend, himmlisch sind. Es ist wie ein Wiederentdecken unseres engelhaften Erbes, wenn unsere Gefühle sehr, sehr rein sind. Dann dringt die göttliche Liebe zu uns durch; genau wie Licht durch einen Kristall dringt, zwischen den Molekülen hindurch, so dringt die göttliche Liebe durch unsere Gefühle, und alles wird erleuchtet. Wir müssen in unseren Herzen Platz machen für die göttliche Liebe, für alle Wesen, für Mitgefühl und Vergebung und Toleranz.

Wir arbeiten nun mit dem Bewusstsein, sodass auch das Bewusstsein kristallklar werden kann. Das ist gemeint, wenn wir vom Licht der göttlichen Intelligenz sprechen: es gibt keine Deformierung oder Ablenkung in diesem Licht. Es ist nicht fokussiert, wie das Bewusstsein eines menschlichen Wesens. Man könnte sagen, es ist kohärentes Licht. Es gibt eine Beziehung zwischen diesem Licht und der emotionalen Einstimmung, und wenn das Gefühl sehr schön wird, entwickelt es die Qualität von Schnee und Eis, die Emotion in sehr grosser Höhe.

So fühlt man sich hoch oben auf den Bergen, in Fels und Eis. Dies ist ganz anders als das Gefühl in der üppigen Vegetation des Dschungels in tropischen Ländern. Es ist mehr wie das Nordlicht, eher durchsichtig als glühend. Es ist wie das Dämmern des Lichts vor Sonnenaufgang. Die Sonne kommt mit grosser Macht, sie macht einen überwältigenden Eindruck auf uns; aber das Licht der Lichter geht in unserer Seele auf. Dies geschieht nicht in offenkundiger Weise. Es ist wie die Sonne, die in nördlichen Breiten aufgeht. Du stimmst dich auf diese spezielle Emotion ein, um ein Instrument des Heiligen Geistes zu sein, damit du ein Kanal für die göttliche Heilkraft werden kannst.

Das bedeutet, aus dem Leben weg zu gehen. Man kann nicht gleichzeitig eine weltliche Person und ein Instrument göttlicher Heilkraft sein. Man muss der Welt ein bisschen entfremdet sein, denn die Vorstellung von uns selbst ist ausgelöscht worden. Man muss es zulassen zermalmt zu werden, zerschlagen bis das Herz blutet; man darf sich nicht in Selbstmitleid ergehen, sondern muss darüber hinaus greifen. Es ist eine Umwandlung des Gefühls.

Der Heilige Geist handelt sehr plötzlich, unerwartet, man könnte fast sagen erbarmungslos, obwohl er der eigentliche Ausdruck göttlicher Barmherzigkeit ist. Er wird sich immer über jede Form oder vorgefasste Meinung hinwegsetzen und wird nie in eine gegebene Situation passen, denn er ist die Macht der Freiheit, Freiheit, die sich nie Gesetzen beugen wird. Der Geist weht wo er will, wie man sagt, und er belebt neu, indem er Leben jenseits von Leben

verleiht, jenseits der Lebenskräfte, die im Laufe der Manifestation verhärtet wurden. Er wird die Dinge immer aufbrechen, auflösen, zerschlagen, und ein völlig neues Muster aufbauen. Er wird die ganze Verschmutzung auflösen, den verhärteten Zustand des Patienten zerschmettern und ihm oder ihr eine neue Transfusion von Leben geben.

Du selbst fühlst dich, wie wenn du die Quelle allen Leben berührtest, wie Elias an der Wasserquelle, wo er Zuflucht vor der Trockenheit suchte. Der belebenden Wirkung des Geistes kann man sich nicht widersetzen. Wir sind so daran gewöhnt, dem Fluss des Lebens unseren eigenen Willen aufzuzwingen, aber hier wird alles durcheinander geworfen, gestört, und muss sich einer neuen Ordnung anpassen. Du lässt dich vom Leben zerbeulen, weil du weißt, der Geist arbeitet auf diese Art. Du stellst dich seinem Handeln ohne Widerstand zur Verfügung, du lässt deine Gedankengewohnheiten und deine vorgefassten Meinungen los. Wenn du dich seinem Tun hingibst, wie ein Segel im Wind, wird er dich zu seinem Instrument machen. Andernfalls wird er dich in Stücke reissen, wie ein Segel, das gegen den Wind gespannt wird auf eine Art, die nicht in Harmonie mit dem Wind ist.

Die einzige Einstimmung, die es dir möglich machen wird, mit dem Heiligen Geist gleich zu schwingen, ist es, den Zustand hinter dem Universum zu fühlen. Dann siehst du die Dinge auf völlig verschiedene Art als wenn du sie von deinem eigenen Gesichtspunkt aus siehst. Es ist sehr verwirrend. Was ein Problem zu sein schien, zeigt sich als wunderbares Überwinden, was unmöglich schien stellt sich als möglich heraus, und all die Erklärungen, die wir für die Dinge haben, machen keinen Sinn mehr. Man sieht den letzten Sinn hinter dem, was Sinn zu machen schien. Man kann sogar Schönheit sehen, wo etwas hässlich schien und Vollkommenheit, wo alles fehlerhaft aussah. Es gibt nicht einmal mehr ein Gefühl von Anstrengung, wenn man das endgültige Ziel sieht; nur während man im persönlichen Bewusstsein ist, kann ein Gefühl von angestrengter Bemühung aufkommen.

Sehen wir die Dinge aus dem Sichtwinkel der Einheit, so ist tatsächlich alles so, wie es sein soll. Aber für unser persönliches Verständnis ist es unmöglich, dies zu akzeptieren; sonst gäbe es gar keine Anstrengung und es gäbe nichts zu überwinden.

Man ist nicht nur das Instrument des Geistes; man muss entdecken, dass man selber Geist ist. Dies alles ist jenseits unseres Verstehens, und wir müssen gar nicht versuchen es zu verstehen, genau so wie wir uns nicht bemühen dürfen, das Instrument des Heiligen Geistes zu werden. Doch wie sonst sollen wir fähig werden zu heilen! Man muss selbst der Geist werden. Man muss den Geist in sich selbst entdecken. Man ist nicht einfach das Instrument des Geistes; man muss entdecken, dass man selber Geist ist.

Wenn ich vorhin sagte, dass der Geist uns heftig schlägt, so ist damit der Geist gemeint, der man selber ist; er misshandelt dich, um den Durchbruch des Lebens auszulösen. Dieses Leben wird sich allen Wesen mitteilen, wenn es durch nichts zurückgehalten wird. Es braucht kein Instrument. Die elektrische Beleuchtung ist nicht im Kabel enthalten; der Strom breitet sich aus, indem er ein Kabel als Unterstützung benutzt. Es gibt kein Instrument, das stark genug oder fähig genug ist um das Instrument des Heiligen Geistes zu werden. Der Körper würde vollkommen zerstört, wenn er versuchte, das Instrument des Geistes zu werden.

So versuche nicht, das Instrument des Geistes zu werden, sondern zerschmettere das Gefühl deiner Identität, bis du entdeckst, wer du wirklich bist. Nun fühlst du, wie das Leben überfliesst, durch dich hindurch, und du merkst, dass du dafür eine Abflussmöglichkeit suchen musst, es ist so überwältigend mächtig. Dies ist der Moment, wo du an jene Menschen denken kannst, die krank sind, sei es physisch oder psychisch. Versuche nicht, deine Gedanken zu ihnen hin zu schicken. Dieses Vehikel wird nie fähig sein, eine solche Kraft zu weiterzuleiten. Versuche nicht, das zu tun. Du kannst mit einer Person einen magischen Kontakt herstellen, indem du ganz einfach erfährst wie es ist, diese Person zu sein. Geh in ihre Seele. Es geht nicht einfach darum, in ihr Bewusstsein einzutreten und zu erfahren, was sie fühlt und wie sie denkt; du musst in ihr ewiges Wesen eintreten und

erfahren, wie dieses ewige Wesen unter der Begrenzung von Körper, Gedanken und Persönlichkeit leidet, und wie es sich trotzdem seines Wesens jenseits der Begrenzung vollkommen bewusst bleibt, irgendwo, auf irgend einer Ebene. Sieh wie die Energie Bewusstsein zur Seele dieser Person trägt und dadurch eine Verbindung schafft, und sieh wie das Bewusstsein die Energie lenkt und ihr eine bestimmte Richtung gibt. Man tritt ein ins Bewusstsein des ganzen Wesens, denn alles ist eins. Werde dir bewusst, wie durch die Verschiebung deines Bewusstseins Energie freigesetzt wird und nimm die Beziehung zwischen Bewusstsein und Energie wahr. Wenn dein Bewusstsein sich bis in das Bewusstsein der Ganzheit erstreckt, wirst du zu einer unglaublichen Quelle des Lebens, eine lebensgebende Quelle; durch deine Willensanstrengung könnte dies nie geschehen. Du siehst nun, wie der Auslöser, der diese Bewusstseinserweiterung in Gang setzt, die Sublimierung deiner Emotion ist. Sie ist eine Macht, eine grosse Macht. Es ist die Macht der Liebe.

Kannst du dir vorstellen, dass du selbst Prinz Puran bist? Wo immer er hin ging, blühte alles auf; der Garten erblühte. Es ist deine Einstimmung, die der Energie erlaubt, durch dich hindurch zu fliessen. Kannst du dir vorstellen, Menschen in die Arme zu nehmen, unter deine Flügel zu nehmen, zu beschützen: nicht sie besitzen, sondern beschützen? Es ist nicht, wie wenn du Energie spenden würdest. Das Phänomen des Energieaustausches geschieht auf Grund deiner Einstimmung, nicht weil du willentlich irgendetwas tust. Du umhüllst Menschen mit deiner Liebe, sodass sie sich in deiner Obhut sicher fühlen.

Wenn dein Bewusstsein sich bis in das Bewusstsein der Ganzheit erstreckt, wirst du zu einer unglaublichen Quelle des Lebens, eine lebensgebende Quelle; durch deine Willensanstrengung könnte dies nie geschehen.

Wir haben über diese Einstimmung auf die Ordnung des Universums gesprochen und wie die Schwingung ein Instrument des Geistes wird. Deshalb sagt die Überlieferung, dass der Geist zum Wort geworden ist und das Wort zu Fleisch. Wir müssen anfangen, indem wir Zugang zu der Energie allen Lebens finden; sie ist das Leben des Lebens, die Energie des Heiligen Geistes. Dann müssen wir wissen, wie wir die Schwingung der Sphären benutzen können, um diese Energie weiterzugeben. Es geht darum, selber in sehr hoher Frequenz zu schwingen und diese Schwingung zu verstärken. Das Wasifa, das dazu gegeben wird, ist ‘Ya Quddus’. Halte deine Konzentration oberhalb des Kopfes während du es sagst. Bleib voll konzentriert, höher und höher oberhalb des Kopfes. Erfahre dich selbst als reiner Geist, nachdem du alle andern Aspekte deines Seins zerschmettert hast, und durch den Klang lässt du den Geist dorthin tragen wo er weht.

Wenn irgendwann der Gedanke an eine leidende Person in deinem Bewusstsein auftaucht, dann stell einfach eine Verbindung zu dieser Person her und lass die Energie wirken, ohne dass du versuchst, irgendetwas Spezifischeszu tun. Du musst dich weiterhin und ununterbrochen als reiner Geist erfahren, und verweigere die Identifikation mit irgendeiner der Formungen, durch die sich die Seele zu einem Gefühl der Identität verleiten lässt. Es geht nicht nur um das Leben, sondern um das Leben des Lebens, und das erlaubt keine Begrenzungen. Es ist ein Widerspruch zu sagen, “identifiziere dich selbst mit dem Heiligen Geist”, denn das Wort selbst wird immer als persönliches Selbst interpretiert. Man kann dieses Geschehen auf keine Art und Weise ausdrücken, und du kannst es mit deinem Willen sowieso nicht erreichen; es ist etwas, das uns passiert ohne dass wir es zu erreichen suchen.

Gott segne euch.