Die vier unermesslichen

Meditation von Pir Zia, 2010

Wende dich nach innen.
Entspanne dich während du deine Wachsamkeit auf den Atemrhythmus richtest.
Atme tiefer – bis dein Herz in deinem Atem badet und alle Rückstände hinweg gespült werden – gerade so als würdest du dein Herz in deine beiden Hände nehmen und es in das kühle, lebhafte Wasser eines Gebirgsbaches tauchen, so dass dein Herz schimmert und plötzlich erwacht.
Man erkennt, dass sich die eigene Ablenkung und Verwirrung über die fortwährend treue Präsenz des Herzens gelegt hat und seine Handlung verdeckt. Das
Handeln des Herzens aber ist das fortwährende Ausstrahlen von liebender Güte und zartem Empfinden.

1. Meta.

Wir senden Wellen von Meta, von bedingungsloser Liebe, in die Umgebung.
Sende Meta allen Wesen, die sich vor dir befinden – im Garten, der Stadt, dem ganzen Land;

allen Wesen, die sich hinter dir befinden;

allen Wesen, über dir;

allen Wesen, unter dir;

rechts von dir;

und links von dir.

Alle Wesen befinden sich im Inneren deines Herzens; dein Herz wallt sich auf und wird von flüssiger Substanz bedingungsloser Liebe geflutet. Liebe ausdrücken ist, dies zu bezeugen und indem du davon Zeugnis ablegst, nimmst du das Befinden der Wesen wahr – und erkennst, dass viele Wesen Schmerzen haben.

2. Karuna.

Wenn Liebe dem Schmerz begegnet wird sie auf natürliche Weise zu Anteilnahme, zu Einfühlung und Mitgefühl. Dies ist es, was der Buddha mit Karina bezeichnet hat. Es gibt in der Welt Verletzung, Krankheit, Verderben, Kummer, Gebrochenheit, das Zerschmettern von Hoffnung.
Wir leben in einem Raum der Zersplitterung und Verzweiflung. Wenn das Herz erwacht können wir diese Dinge nicht ignorieren. In dieser zweiten Bewegung der Liebe, hält man sich nicht weit ab: Schwinge in Zuneigung und Verständnis, tritt in den Zustand aller Wesen und nimm an ihrem Leid teil – in Wohlwollen und Mitgefühl.
Jeder Gedanke wird ein Heilgebet – aber das ist nicht bloß das Auferlegen des Wunsches, dass Dinge anders sein mögen – sondern bedeutet, sich in direkter
Präsenz um den anderen zu kümmern und mit jedem einzelnen Wesen – in dessen jeweils eigenem Zustand – in offener, verletzlicher Kommunikation zu stehen.
Das archetypische Bild dieses Bewusstseins ist das Bild des Christus, der den Schmerz der ganzen Welt trägt.
[Lass Mitgefühl aus Dir in die 6 Richtungen fließen]

3. Mudita.

Aber selbstverständlich ist nicht alles Leid und Verzweiflung. Es gibt Freude, lachen, Feiern, Erfüllung – die dritte Bewegung der Liebe: Strecke dich aus
in der Freude, die von überall in der Welt auftaucht. Das nennt der Buddha Mudita: Dann reichst du jenseits der Polarität von Freud und Schmerz.
Die Wellen der Gefühle erheben sich und fallen zusammen, Bedingungen ändern sich fortwährend für alle Wesen.
[Lass Mitfreude aus Dir in die 6 Richtungen fließen]

4. Upeka.

Jenseits all dieses Auf und Ab entdeckt man eine beständige Kommunion, eine Solidarität aller Wesen, die das Leben selber in seiner Ganzheit darstellen. Du erkennst alle Wesen darin an, dass jeder einzelne von ihnen, eine andere Manifestierung deiner eigenen ewigen Natur darstellt.
Das ist Upeka: die Kommunion des Lebens in seiner Essenz.
Spür den Atem in deinen Körper hereinfließen und aus deinem Körper wieder hinaus fließen;
Spür den festen Boden unter deinen Füßen;
Kehre zu deinen äußeren Sinnen mit der Absicht zurück, die Atmosphäre der weitgewordenen Herzenssphäre zu bewahren. Öffne deine Augen

Das Ritual: die Form des Zikr von Murshid:

• Bewegung des Zikr ohne Rezitation:

– dehne dein Wesen so weit aus, dass du die ganze Erde darin umfassen kannst, so dass die runde Kugel der Erde von Deiner Umarmung gehalten wird.
– wenn du die Bewegungen machst breitest du überall Licht hin aus und strahlst das Wohlwollen deines Herzens aus: liebende Güte, Solidarität, freundliche Zuneigung und Hoffnung auf Heilung und Glück.

• Beim Kreisen des Kopfes: verteile diese Absicht deines Segens aus Gebeten über die Erde
• Kopf abwärts: fokussier dich auf den Ort, die Person, auf die du deine Achtsamkeit zu konzentrieren wünschst
• Schutz-Wazifa, besonders beim Auftauchen unmittelbarer Gefahr: Aman = Heiligtum

(unveröffentlichtes Transskript der Meditation von Pir Zia, Suresnes 2010)